Gehörlos im Saftladen, wie ist das?

Wir arbeiten mit Menschen mit Handicap. Was bedeutet das eigentlich genau? Nur wenige Menschen haben im Alltag Berührungspunkte mit Behinderten. Wie wenig gleichwertig dieses Wort schon klingt. Aber es ist, wie es ist. Menschen mit einer Behinderung sind behinderte Menschen. Und tatsächlich ist das Wort Behinderung erst einmal ganz neutral. Ein Beinbruch kann auch eine vorübergehende Behinderung sein. Etwas, das mich behindert. Es gibt so viele verschiedene Handicaps. Solche, die zu sehen sind und solche, die auf den ersten Blick gar nicht auffallen. Manchmal auch nicht auf den zweiten. Ich bin 48 Jahre alt und finde es erstaunlich und auch bezeichnend, dass ich in meiner gesamten beruflichen Laufbahn nie Menschen mit Behinderung begegnet bin. Weder im Kreise der eigenen Kolleginnen und Kollegen noch auf Seite der Kunden, mit denen ich zu tun hatte. Ich habe bereits während meines Studiums freiberuflich als Redakteurin für Print-Redaktionen gearbeitet. Sagen wir also, ich bin seit über 25 Jahren im Berufsleben. Und ich bin ungefähr genauso lange oder etwas länger behindert. Was bei mir ein schleichender Prozess war.

 

Heute bin ich nahezu gehörlos. Ich kann ohne Hörgeräte nur Lärm wahrnehmen, der um die 100 Dezibel hat. Also vergleichbar mit einem nah an mir vorbeidonnernden Lastwagen. Mit Hörgeräten verstehe ich auch nur sehr, sehr wenig. Von Angesicht zu Angesicht funktioniert die Kommunikation meist noch recht gut. Mit Mundnasenmaske vor dem Gesicht verstehe ich allerdings gar nichts mehr. Denn ich brauche das Mundbild meines Gegenübers, um mir so viel wie möglich Sinn zu erschließen.

 

Nicht hören zu können, gehört nun zu den Behinderungen, die nicht sichtbar sind. Und viele Menschen, die spät ertauben, verbrauchen unglaublich viel Kraft dabei, dieses Handicap zu kompensieren, so viel wie möglich mit den Augen mitzubekommen, ständig alles zu scannen. Und oftmals auch damit, die eigene Behinderung zu verstecken. Weil sie fast immer mit Scham einhergeht. Das können Menschen ohne Handicap nicht verstehen. Eine Freundin von mir meinte früher: „Was ist denn dabei? Wenn ich meine Brille vergessen habe, frage ich auch andere Menschen nach dem Namen auf einem Straßenschild.“ Tja. Es ist eine ganze Menge dabei. Ein Hörverlust ist nicht vergleichbar mit einer leichten Sehschwäche, die über eine Brille oder Kontaktlinsen gut zu unterstützen ist. Zum einen sind Hörgeräte nicht in der Lage, das ursprüngliche Hören nachzustellen. Zum anderen ist der Weg, bis ein Mensch sich für Hörgeräte entscheidet, ungleich länger. Weil schlechtes Hören – warum auch immer – in unserer Welt ein bisschen mit Dummheit assoziiert wird. Jede Schwerhörigkeit ist anders. Aber in den meisten Fällen kommt auch noch eine starke Lärmempfindlichkeit hinzu. Weil die Hörzellen geschädigt sind und nicht mehr filtern können. Selbst wenn der Lärm nicht gehört wird, kommen die Schallwellen ins Ohr und können Schmerz bereiten.

Und zuletzt macht ein Hörverlust unglaublich einsam. Wer nichts hört, schwingt nicht mehr mit der Welt. Alles ist Frequenz. Die Welt basiert auf Klang, Tönen, Akustik. Sie basiert auch noch auf vielem anderen. Aber Hören zu können ist etwas sehr Wesentliches, etwas Grundlegendes, um sich sicher, geborgen und verbunden zu fühlen. Von allen Sinnesorganen ist das Ohr das erste, das beim menschlichen Embryo ausgebildet wird.

Aber es soll hier gar nicht darum gehen, welche Behinderung schwerer wiegt als eine andere. Es soll darum gehen, was Behinderung im Alltag bedeutet. Was macht sie mit den Menschen? Mit denen, die betroffen sind und mit denen, die mit Betroffenen zusammen sind, zusammenleben, zusammenarbeiten? Denn auch die Angehörigen und Kollegen sind davon betroffen. Co-betroffen. Dadurch, dass sie hautnah miterleben, mitfühlen und auch an Grenzen stoßen im Miteinander.

 

Gehörlose wirken zum Beispiel oft fordernd. Es kann daran liegen, dass permanent Sorge mitschwingt, etwas Wichtiges nicht mitzubekommen. Etwas zu verpassen, das für die Arbeit oder das Leben von Bedeutung ist. So fragen sie oft nach, schreiben anderen hinterher, wollen Antworten haben auf Unklarheiten. Und setzen damit ihr Gegenüber allzu leicht ungewollt unter Druck. Ein Mensch, der alles hören kann, bekommt ganz viel nebenbei mit. Auch wenn sich hörende Menschen oft wünschen, weniger mitzubekommen, leben sie in einer Art Klangteppich, der als normal empfunden wird. Und in diesem Klangteppich gelangen Informationen ganz leicht zu ihnen. Dass gehörlose Kollegen all das nicht mitbekommen, wenn sie nicht ganz genau aufpassen, nachfragen und hinschauen, ist den meisten dabei oft gar nicht bewusst. Jeder lebt in seinem eigenen Kosmos.

 

Was ist unterm Strich wichtig für beide Seiten? In meinen Augen: regelmäßiges Zusammenkommen und Abgleichen von Stimmungen, Erwartungen, Aufgaben und auch mal Befindlichkeiten. Immer wieder sich annähern und versuchen, das Leben aus der Perspektive des Gegenübers zu begreifen. Sich öffnen für andere Blickwinkel. Verständnis für die Gleichwertigkeit von Themen entwickeln. Meine Kollegin ohne Behinderung, die von meiner Art des Fragens gestresst ist, hat genauso viel Druck dadurch wie ich ihn habe, weil ich mich den ganzen Tag in hohem Maße konzentrieren muss. Mir geht es nicht am schlechtesten. Auch wenn es sich oftmals so anfühlen mag. Wir sind ein Team. Und damit wir als Team gut funktionieren, müssen wir uns gegenseitig im Blick behalten. Wir brauchen uns. Und wenn alle sich ein bisschen in Achtsamkeit üben, ist schon ganz viel gewonnen.